Du sitzt ihr gegenüber, und sie ist weiter. Weiter als vor drei Monaten. Weiter als manche nach Jahren. Sie nennt ihren Preis ohne zu zögern, sie setzt Grenzen ohne sie zu erklären, sie entscheidet, und du siehst es an ihr, wie sich das anfühlt wenn innen und außen übereinstimmen.
Und du bist stolz. Wirklich. Nicht gespielt. Du hast sie begleitet, und sie ist angekommen.
Und gleichzeitig, in derselben Sekunde, spürst du etwas anderes. Es kommt leise, ohne Vorwarnung. Ein kurzer Zug in der Brust. Eine Kühle, die nicht zum Moment passt.
Du kennst das Gefühl. Du hast es nur nie benannt.
Es ist Neid. Neid auf deine eigene Klientin.
Du nennst es nicht so. Du denkst nicht in diesem Wort. Denn in deinem Beruf ist Neid was andere ablegen, nicht was du fühlst. Du führst Menschen aus alten Reaktionen raus, du hast die Begriffe dafür, du kennst die Mechanismen. Und jetzt sitzt dieser Satz in dir, der sich nicht vereinbaren lässt mit der Rolle, die du trägst.
Du weißt genau was du jetzt tun müsstest. Das hast du in der Ausbildung gelernt. Im Studium, in der Supervision, in jeder Fortbildung. Wenn dein Klient dich triggert, schau bei dir hin. Das ist die Regel. Die stille Bedingung dieses Berufs.
Du kannst sie bei anderen anwenden. Du machst das täglich. Aber bei dir selbst hinsehen, dort wo es wirklich zieht, das tust du nicht. Nicht weil du es nicht willst. Weil du es nicht kannst. An dieser einen Stelle funktioniert es bei dir anders.
Also drückst du den Neid weg. Du funktionierst weiter. Du gratulierst, du rahmst, du verabschiedest. Und später, wenn niemand mehr da ist, bleibt die Frage.
Warum sie und nicht ich.
Das ist der Satz, der nicht gesagt werden darf. Nicht unter Kolleginnen, nicht in der Supervision, nicht im eigenen Journal. Denn wenn du ihn aussprichst, fragst du dich ob du überhaupt in diesem Beruf sein solltest. Ob du je die gewesen bist, für die man dich gehalten hat.
Also sagst du ihn nicht. Du denkst ihn weiter. Immer wieder. Und jedes Mal zahlst du dafür. Mit dem Gefühl nicht ganz echt zu sein. Mit dem Abstand zu dir selbst, der sich aufbaut. Mit der leisen Erschöpfung, die niemand sonst versteht.
Der Neid ist nicht falsch. Er zeigt dir etwas, das du längst weißt.
Du bringst andere zu Entwicklungen, die du dir selbst verwehrst. Nicht aus Unwillen, nicht aus Faulheit. Sondern weil du eine Stelle in dir hast, die du bei anderen mühelos öffnest. Bei dir bleibt sie zu.
Das ist nicht dein Versagen. Das ist nicht dein Charakter. Das ist nicht ein Zeichen, dass du in den falschen Beruf geraten bist. Das ist ein Hinweis. Darauf, dass die Stelle an der bei dir nichts weiterkommt, nicht mit deinen Methoden zu erreichen ist. Weil sie nicht auf der Ebene liegt auf der du arbeitest.
Die Regel deiner Ausbildung stimmt. Schau bei dir hin. Aber das Hinsehen allein reicht nicht, wenn das was du siehst, auf einer Ebene liegt die dein Blick nicht erreicht.
Du kannst sie nicht coachen. Du kannst sie nicht besprechen. Du kannst sie nicht aushalten, bis sie geht.
Du kannst dort ansetzen, wo sie entsteht.
Und dann verschwindet der Neid. Nicht weil du ihn unterdrückst. Sondern weil er nicht mehr nötig ist.