Angenommen, eine Klientin fragt, ob sie die Rechnung diesmal später bezahlen kann.
Und du hörst dich „klar, kein Problem“ sagen,
bevor du überhaupt überlegt hast.
Später, im Auto, weißt du genau,
was du hättest sagen wollen.
Es ist nur nicht gekommen.
Es fühlt sich an, als wäre längst entschieden gewesen.
Nicht von dir.
Jedenfalls nicht von der, die jetzt im Auto sitzt und es besser weiß.
Viele sprechen an dieser Stelle von Mindset.
Von Gedanken.
Von inneren Überzeugungen.
Das kann alles stimmen.
Es ist nur nicht die Stelle, an der ich ansetze.
Der Moment dazwischen
Zwischen dem, was passiert,
und dem, was du darauf tust,
liegt ein Moment.
Manchmal deutlich spürbar.
Manchmal so kurz,
dass es ihn gar nicht zu geben scheint.
In diesem Moment wird selten nachgedacht.
Nicht abgewogen.
Nicht erklärt.
Vieles von dem, was wir tun,
läuft schneller, als das Nachdenken hinterherkommt.
Daran ist nichts Geheimnisvolles.
So kommst du auch die Treppe runter,
ohne jede Stufe einzeln zu planen.
Deshalb fühlen sich manche Antworten alternativlos an.
Nicht gewählt.
Sondern passiert.
Und genau hier taucht eine leise, unbequeme Frage auf:
Wie frei war das eigentlich?
Was diesen Moment prägt
Dieser Moment ist nicht leer.
Er hat eine Vorgeschichte.
Frühe Erfahrungen darüber,
wann Offenheit möglich war
und wann sie zu viel gekostet hat.
Erwartungen.
Leise Annahmen darüber,
was gleich passieren wird.
Auch ohne konkreten Anlass.
Erfahrungen, die du nicht als Erinnerung abrufen kannst,
die aber trotzdem mitreagieren.
Das, was du kennst,
auch wenn dir dafür die Worte fehlen.
Annahmen, die nie als Satz gedacht wurden.
Eher als Grundton:
So ist die Welt.
So bin ich.
So reagiere ich.
Manchmal auch das, was in der Familie selbstverständlich war.
Was getragen wurde.
Was gehalten werden musste.
Was keinen Raum hatte.
Und der Körper.
Seine Bereitschaft zu Spannung.
Seine Geschwindigkeit.
Seine Art, sich zu schützen oder anzupassen.
Was davon bei dir mitspielt, weiß ich vorher nicht.
Das zeigt sich in der Arbeit.
Manchmal ist es etwas ganz anderes.
All das kann mitbestimmen,
wie eng oder weit dieser Moment ist.
Ob zwischen dem, was passiert, und deiner Antwort
überhaupt etwas spürbar wird.
Oder ob alles sofort geschieht.
Wie hier Spielraum entsteht
Dieser Moment lässt sich nur begrenzt trainieren.
Disziplin hält ihn eine Weile offen.
Techniken auch.
Bis zur nächsten Frage dieser Art.
Im Auto hast du es verstanden.
Verfügbar war es am Schreibtisch nicht.
Meine Erfahrung ist:
Der Moment verändert sich eher,
wenn innen weniger festgehalten werden muss.
Wenn Wachsamkeit nicht mehr Dauerzustand ist.
Wenn eine alte Reaktion nicht mehr jedes Mal als Erste antwortet.
Dann kann Raum entstehen.
Nicht als Methode.
Sondern als Zustand.
Freiheit heißt hier nicht,
immer bewusst zu wählen.
Sondern,
dass überhaupt eine Wahl auftaucht.
Ein Moment,
in dem nicht alles automatisch weiterläuft.
Ein Atemzug mehr.
Ein echtes Dazwischen.
Dort setze ich an.
Nicht am Denken.
Nicht am guten Vorsatz für das nächste Mal.
In meiner Arbeit gehe ich davon aus,
dass dieser Moment nicht festgeschrieben ist.
Deshalb arbeite ich mit dem Unterbewusstsein.
Und nicht gegen die Reaktion.
Ob sich etwas verändert hat,
merkst du nicht in der Sitzung.
Sondern im Alltag. Etwa daran,
ob du kurz Luft holen kannst,
bevor du antwortest.